Die Idee der Wikipedia ist simpel: Jeder Internetnutzer kann Texte und andere Inhalte ins Online-Lexikon laden – andere können sie kontrollieren, bearbeiten und ergänzen. Qualität entstehe durch die gegenseitige Kontrolle. Allerdings geht die Zahl engagierter „Wikipedianer“ zurück. Damit sind die Autoren gemeint, die mindestens fünf Mal im Monat bei Wikipedia aktiv sind und die vielen Änderungen einzuschätzen und zu kontrollieren wissen. Es bestehen Zweifel, ob die deutschsprachige Wikipedia ihre Qualität so aufrecht erhalten kann.

Im Jahr 2007 prüften noch 9.000 Wikipedianer rund 19 Millionen Einträge und Bearbeitungen im Lexikon. Heute sind es etwa 6.000 Autoren, die das Vierfache an Einträgen und Bearbeitungen kontrollieren sollen. Zum Problem wird das auch, weil mittlerweile immer mehr Schreiber von Firmen bezahlt werden, um für sie Einträge in der Enzyklopädie zu platzieren und zu pflegen. Bezahlte Einträge müssen zwar seit 2014 öffentlich gekennzeichnet werden, aber ohne das kritische Überprüfen durch unabhängige, möglichst erfahrene Wikipedianer kann das Online-Lexikon keine Objektivität gewährleisten. Und das Problem verschärft sich noch zusätzlich:

Die Zahl erfahrener Wikipedianer, die regelmäßig überprüfen, korrigieren und Neues schreiben, nimmt stetig weiter ab. Schon fast ein Zehntel derjenigen, die monatlich mehr als hundert Mal aktiv die Wikipedia ergänzen und aktualisieren, kehrt ihr seit 2008 den Rücken zu. Dadurch besteht der harte Kern nur noch aus rund 900 Autoren. Bei der größeren wichtigen Front, die mindestens fünf Mal im Monat ihren Beitrag zum Gesamtwerk leistet, büßte die Wikipedia im Zeitraum von 2008 bis 2014 sogar mehr als ein Viertel ein. Diese Gruppe kommt somit nur noch auf etwa 6000 erfahrene Autoren. Darüber hinaus haben immer weniger Leute Lust, neu für das Lexikon zu schreiben. Netzaktivist und Datenjournalist Sebastian Vollnhals gibt den Pubertätsproblemen bei Wikipedia die Schuld: ewige Diskussionen, Mobbing und verletzte Gefühle.

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Wikipedia ist zu verbürokratisiert geworden, findet Vollnhals

Mehr als 200 Mal hat Vollnhals versucht, Artikel zu verbessern oder neue zu verfassen – immer wieder erfolglos. Das liegt an einem peniblen Relevanzkatalog, der seit 2008 für die deutschsprachige Wikipedia vorschreibt, welche Kriterien Wikipedia-Artikel erfüllen müssen, um freigeschaltet zu werden. Was bei der Kontrolle durchfällt, erscheint gar nicht erst online und wird gelöscht. So habe Vollnhals sich vor etwa acht Jahren viel Mühe damit gegeben, einen Artikel über einen Cocktail namens „Tschunk“ zu verfassen, der sogleich wieder gelöscht wurde. Die Begründung: Nicht relevant für die breite Öffentlichkeit und keine Quellenangabe. Erst als er im Dezember 2011 ein eigenes Buch zu diesem Mixgetränk geschrieben hatte, das er offiziell als Quelle angab, wurde die Ergänzung in der „freien Enzyklopädie“ zugelassen – obwohl der Inhalt der Gleiche war wie im zuvor gelöschten Artikel.

„Die Hürde als neuer Schreiber akzeptiert zu werden, ist sehr hoch. Du musst viel Zeit investieren, bis du ein entsprechendes Standing in der Gemeinschaft von Wikipedia hast. Mir war es dann irgendwann zu blöd, die ganzen Löschdiskussionen mitzumachen.“

Vollnhals ist davon überzeugt, dass regelmäßige und altbekannte Schreiber sich gegenseitig weniger streng kritisieren und nur ungern die eigenen Reihen für neue Autoren öffnen.

 

Peter Wuttke ist einer derjenigen, die es geschafft haben, sich in der Wikipedia-Community einen Namen zu machen. Der 50-jährige Hamburger schreibt seit fast zehn Jahren für das Lexikon. Er bebildert, verbessert und sichtet. Auch wenn er selbst Teil der neuen Bürokratie in der Wikipedia ist, hat er Verständnis für vergraulte Freiwillige wie Vollnhals:

„Man steckt viel Energie rein und wird abgewiesen. Die Enttäuschung kann ich nachvollziehen. Psychologisch würde man sagen, das ist eine Kränkung. Das tut weh und ist frustrierend.“

Wuttke empfiehlt neuen Autoren deshalb, sich vorher zu informieren, ob der geplante Artikel die Relevanzkriterien erfüllt. Dass es dafür Diskussionsseiten und Mentoren gibt, wissen die wenigsten. Dazu kommt, dass sich sogar die erfahrenen Wikipedianer oft nicht einigen können, welche Inhalte es wert sind, veröffentlicht zu werden. „Bei dem einen Thema gibt es harte Kriterien, bei dem anderen viel weichere. Das ist ein bisschen anarchisch, dieses Regelwerk“, gibt Wuttke zu.

Peter Wuttke

Wikipedia ist eine ruppige  Männerwelt, sagt Peter Wuttke

Vor allem die Teilnehmer von Casting-Show-Staffeln wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany’s Next Topmodel“ sorgen regelmäßig für Diskussionen unter den Sichtern. „Das sind ja alles Menschen, die keine Präsenz haben und plötzlich durch diese Sendungen ein Millionenpublikum bekommen. Dann sagen wir oft: Okay, für die Populärkultur sind sie relevant geworden“, sagt Wuttke.

Ein anderen Grund für den schwindenden Reiz neu für Wikipedia zu schreiben, sieht Wuttke im rauen Klima innerhalb der Autorengemeinschaft. „Es geht zunehmend ruppig zu, und es gibt wenig Wertschätzung für die Arbeit des einzelnen. Meiner Meinung nach hat das mit männlichem Verhalten zu tun und schreckt wahrscheinlich viele Frauen ab.“ Tatsächlich ist nur jeder zehnte Wikipedia-Autor eine Frau. „Man könnte fast sagen, die Wikipedia ist eine Enzyklopädie der männlichen Perspektive auf die Welt“, sagt Netzaktivist Vollnhals.

Trotz all dieser Probleme ist die Wikipedia bei den Internetnutzern weiterhin eine der beliebtesten Webseiten. Das zeigt sich auch bei den Spenden. Noch nie kam so viel Geld zusammen wie im Jahr 2014. Doch das Geld ist kein Garant für Qualität. Die Wikipedia muss erwachsen werden.