Seit über drei Jahren halten die Auseinandersetzungen zwischen ukrainischen Soldaten und Separatisten im Osten der Ukraine schon an. Der Konflikt ist allgegenwärtig. Lena von Holt hat mit drei Ukrainern darüber gesprochen, wie sie im Alltag damit umgehen.

 

 

Artemiy , 20

Ich habe viele Freunde mit denen ich über den Konflikt spreche. Manchmal kommt es auch zum Streit, deshalb versuchen wir, das Thema zu meiden. Selbst als Soldat zu kämpfen, käme für mich nicht in Frage. Es gibt zu viele Menschen hier in Charkiw, die mich brauchen und die nicht wollen, dass ich sterbe. Ich finde, dass man darüber Bescheid wissen sollten, was in den umkämpften Gebieten passiert, weil wir unser Leben im Notfall an die Ereignisse dort anpassen müssen. Deshalb verfolge ich die Nachrichten sehr genau. Ich kann mich erst sicher fühlen, wenn ich genug über die Situation weiß und mir ein eigenes Bild machen kann. 

 

 

Nadja, 18


Mein Cousin kämpft als Soldat der „Anti-Terroristischen-Operation“ in der Konflikt-Region. Wir stehen uns sehr nahe
und telefonieren viel. Vor kurzem hat er mir erzählt, dass er und die anderen Soldaten auf einem Minenfeld Radieschen angepflanzt haben. Ich sehe jeden Tag die Fotos, die er auf Facebook postet, dadurch werde ich immer wieder an den Konflikt erinnert. Manchmal wird mir das alles zu viel. Dann versuche ich mich abzulenken, gehe spazieren, rede mit Freunden über Musik oder schreibe Gedichte. Aber je mehr Zeit vergeht, desto normaler wird alles. Man kann sich an Krieg gewöhnen.

 

 

Nicolai, 42


Ich warte jeden Tag auf eine gute Nachricht aus der Konflikt-Region, damit meine Familie endlich wieder nach Hause kann. Wir mussten alles zurücklassen – unsere Wohnung, unsere Freunde, unsere Verwandten. Das Leben hat sich von einen auf den anderen Tag geändert, wir mussten in Charkiw noch einmal ganz von vorne anfangen. Das schlimmste ist, dass wir unsere Eltern nicht mehr so einfach besuchen können. Sie sind schon sehr alt und bräuchten Hilfe, aber es ist teuer und gefährlich in die Konfliktregion zu fahren. Wenn du Pech hast, dauert es zwei Tage, weil du an der Grenze aufgehalten wirst. Hierherkommen wollen sie nicht. Sie wollen ihr Zuhause nicht aufgeben und versuchen irgendwie zu überleben.