Orthodoxe Christen sind in der Ukraine die größte Glaubensgemeinschaft. Doch für die nächste Generation ist die Orthodoxie nur eine Religion von vielen. Roland Müller hat junge Ukrainer aus Charkiw erzählen lassen, woran sie glauben. 

 

Liubov, 20, Atheistin

 

“Ich glaube nicht an Gott, aber ich kann seine Existenz auch nicht widerlegen. Ich habe nie an Gott geglaubt – auch nicht als Kind. Stattdessen glaube ich an das Schicksal, denn alles in unserem Leben passiert aus einem bestimmten Grund. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir etwas in meinem Leben fehlt, weil ich Atheistin bin. Sich einen Gott auszudenken ist etwas für schwache Menschen. Ich kann alleine mit meinem Leben fertig werden. In meiner Generation es gibt viele, die keine Christen sind.“

 

 

 

Dimitri, 27, Jude

 

“Ich glaube einfach an Gott. Das ist alles. Eigentlich bin ich nicht sehr religiös, aber ich habe großen Respekt vor dem Judentum. Es hilft mir, den Überblick im Leben zu behalten. Wie sehr man seine Religion lebt, ist eine sehr persönliche Sache. Jeder lebt halt anders. Es ist für mich normal, Jude zu sein. Als ich neun war, fand ich durch meinen Großvater heraus, dass ich Jude bin. Seine Kippa war damals eine lustige Kappe für mich. Seit dieser Zeit ist mir der jüdische Glaube so viel näher, als das Christentum oder andere Religionen.“

 

 

 

Anna, 21, Anhängerin der neuheidnischen Wicca-Religion

 
„In Charkiw gibt es eine Gemeinschaft von 20 Wicca. Wir sind eine kleine magische Familie. Alle bei uns wollten eine Religion finden, die zu ihnen passt. In meinem Glauben geht es um einen Gott und eine Göttin, die männliche und weibliche Energie in der Welt. Beide sind eins. Die wichtigste Regel ist: Wenn du niemandem wehtust, kannst du tun, was du willst. Die Toleranz ist der wichtigste Teil meiner Religion. Mein Vater denkt manchmal, dass ich eine grausame Hexe bin und alle Leute verwünsche. Aber das stimmt nicht.“

 

 

 

Ilya, 28, Buddhist

 
„Ich mag den Buddhismus, denn es gibt keine strikten Regeln. Er ist eine Religion meiner eigenen Erfahrungen und nichts, dass ich einfach glauben muss, weil andere es mir vorgeben. Ich finde es gut, verantwortungsvoll auf jeden Tag zu schauen und nicht nur an das Ende des Lebens zu denken, wie das im Christentum oft gelehrt wird. Der Kontrast zwischen den guten Ideen des orthodoxen Glaubens und der Realität war für mich sehr groß. Als Buddhist tust Du immer etwas und erhältst etwas zurück. Zusammengefasst heißt Buddhismus für mich Freiheit und Verantwortung.“

 

 

 

Bogdan, 21, orthodoxer Christ

 

„Ich bin orthodox, so wie meine ganze Familie. Als Säugling war ich sehr krank: Ich wurde mit einer Behinderung geboren und die Ärzte sagten, dass ich wahrscheinlich gelähmt bleiben oder sterben werde. Doch nach meiner Taufe in der orthodoxen Kirche wurde ich geheilt. Der Glaube ist der Weg zu Gott, die Kraft, die dabei hilft, den eigenen Weg zu gehen. Ich versuche keinen Sonntags-Gottesdienst zu verpassen. In meinem Zimmer habe ich einige Ikonen, aber das ist nur etwas Äußeres. Wenn Gott nicht im Herzen ist, können auch Ikonen nicht helfen.“